Migrantenfamilien und das Jugendamt: Gleiche Rechte, ungleiche Behandlung?
In Deutschland leben rund 84 Millionen Menschen – etwa 31 % davon haben einen Migrationshintergrund. Vor dem Gesetz haben alle Familien die gleichen Rechte. Doch die Daten der Kinder- und Jugendhilfe zeichnen ein anderes Bild: Migrantenfamilien landen zwar anteilig ähnlich häufig im System – aber sie erhalten deutlich weniger präventive Hilfe und sind überproportional von harten Eingriffen betroffen.
Die Zahlen: Proportional im System, ungleich in der Behandlung
Auf den ersten Blick scheint die Überrepräsentation moderat. Doch der entscheidende Befund liegt nicht in der Häufigkeit der Fälle, sondern in der Art der Maßnahmen. Und hier zeigt sich eine dramatische Lücke.
Das bedeutet: Familien mit Migrationshintergrund bekommen seltener die präventiven, unterstützenden Maßnahmen, die helfen könnten, eine Eskalation zu vermeiden. Stattdessen werden sie überproportional häufig mit harten Interventionen konfrontiert – Inobhutnahmen, Fremdunterbringung, familiengerichtliche Maßnahmen.
Weniger Prävention, mehr Eingriffe
Die Kinder- und Jugendhilfe ist gestuft aufgebaut: Zuerst sollen niedrigschwellige Angebote helfen – Erziehungsberatung, sozialpädagogische Familienhilfe, Elternkurse. Erst wenn diese nicht ausreichen oder eine akute Gefährdung besteht, greifen schärfere Maßnahmen.
Bei Migrantenfamilien zeigen die Daten, dass dieser gestufte Ansatz oft nicht funktioniert:
- Unterrepräsentiert bei ambulanten Erziehungshilfen und Beratungsangeboten
- Überrepräsentiert bei stationären Maßnahmen und Inobhutnahmen
- Höhere Transferleistungsquote in der Heimerziehung: 62 % der deutschsprachigen Familien in stationärer Unterbringung beziehen Transferleistungen – bei nicht-deutschsprachigen Familien liegt der Anteil noch höher
Das System reagiert bei Migrantenfamilien häufiger erst dann, wenn die Situation bereits eskaliert ist – statt frühzeitig zu unterstützen.
Sprachbarrieren als Treiber
Ein zentraler Faktor, der diese Ungleichheit erklärt, ist die Sprache. Die Forschung dokumentiert Sprachbarrieren als wesentlichen Treiber schlechterer Ergebnisse im Kinderschutzsystem:
- Eltern verstehen Bescheide, Hilfeplanvereinbarungen und ihre Rechte nicht vollständig.
- Beratungsangebote existieren selten in anderen Sprachen als Deutsch.
- In Gesprächen mit dem Jugendamt fehlen professionelle Dolmetscher – Kinder werden als Übersetzer eingesetzt.
- Kulturelle Missverständnisse werden als mangelnde Kooperationsbereitschaft gewertet.
Die türkische Gemeinschaft – mit rund 4 Millionen Menschen die größte Migrantengruppe in Deutschland – ist hiervon besonders betroffen. Etwa 2,6 % der Haushalte sprechen zu Hause Türkisch. Trotz der Größe dieser Gemeinschaft sind muttersprachliche Angebote in der Kinder- und Jugendhilfe die Ausnahme, nicht die Regel.
Die Rheinland-Pfalz-Studie: Ein genauer Blick
Eine Studie aus Rheinland-Pfalz hat die Situation von Migrantenfamilien im Jugendhilfesystem systematisch untersucht und bestätigt die bundesweiten Befunde: Familien mit Migrationshintergrund haben signifikant schlechteren Zugang zu präventiven Hilfsangeboten. Die Studie zeigt, dass dies keine Frage des Bedarfs ist – der Bedarf ist mindestens gleich hoch – sondern eine Frage des Zugangs.
Wesentliche Barrieren laut der Studie:
- Informationsdefizite über bestehende Hilfsangebote
- Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, oft geprägt durch Erfahrungen im Herkunftsland
- Mangel an kultursensiblen Fachkräften
- Bürokratische Hürden bei der Antragstellung
Was muss sich ändern?
Die Zahlen zeigen: Das Problem ist nicht, dass Migrantenfamilien häufiger Hilfe brauchen. Das Problem ist, dass sie weniger Hilfe bekommen – und zwar genau die Art von Hilfe, die Eskalationen verhindern kann. Daraus ergeben sich klare Forderungen:
- Mehrsprachige Beratungsangebote als Standard, nicht als Ausnahme
- Professionelle Dolmetscher bei allen Gesprächen mit dem Jugendamt und vor Gericht
- Kultursensible Schulung für Fachkräfte im Kinderschutz
- Aufsuchende Angebote, die Familien dort erreichen, wo sie sind
- Datenerfassung und Monitoring, um Ungleichbehandlung sichtbar zu machen
Was du als betroffener Vater tun kannst
Wenn du als Vater mit Migrationshintergrund mit dem Jugendamt zu tun hast, ist es besonders wichtig:
- Bestehe auf einen Dolmetscher bei Gesprächen – das ist dein Recht.
- Lass dir alle Dokumente erklären, bevor du etwas unterschreibst.
- Suche dir frühzeitig einen Anwalt für Familienrecht.
- Frage aktiv nach Hilfsangeboten – Erziehungsberatung, Familienhilfe, Elternkurse.
- Dokumentiere alle Kontakte mit dem Jugendamt schriftlich.
Quellen: Statistisches Bundesamt, Kinder- und Jugendhilfestatistik 2024; Studie Rheinland-Pfalz zur Inanspruchnahme von Jugendhilfeleistungen durch Migrantenfamilien; Forschungsdatenzentrum der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder.
Du bist nicht allein. Viele Väter mit Migrationshintergrund erleben ähnliche Situationen. Auf eingutervater.de findest du Informationen in verständlicher Sprache, Hinweise zu deinen Rechten und Kontakte zu Beratungsstellen. Lies auch: Deine Rechte als Vater beim Jugendamt.