In immer mehr Ländern setzt sich die Erkenntnis durch: Kinder brauchen nach einer Trennung beide Elternteile — möglichst gleichberechtigt. Das Wechselmodell, bei dem Kinder annähernd gleich viel Zeit bei Mutter und Vater verbringen, gewinnt europaweit an Bedeutung. Ein Überblick über die wichtigsten Entwicklungen im Jahr 2025.
Belgien: Vorreiter seit 2006
Belgien war eines der ersten Länder weltweit, das die geteilte Betreuung als Standardmodell einführte. Seit der Gesetzesänderung vom März 2006 (Loi relative à l'hébergement égalitaire) prüfen belgische Gerichte bei jeder Trennung zuerst, ob das Wechselmodell umsetzbar ist. Erst wenn konkrete Gründe dagegen sprechen, wird ein anderes Modell gewählt.
Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Studien der Universität Leuven zeigen, dass Kinder im Wechselmodell weniger psychische Probleme aufweisen und zufriedener mit ihrer Lebenssituation sind als Kinder im Residenzmodell. Belgien gilt heute als Referenzpunkt für viele europäische Reformbestrebungen.
Spanien: Regionale Revolution
Spanien zeigt, wie Veränderung von den Regionen ausgehen kann. Aragonien machte 2010 den Anfang mit einem Gesetz, das die custodia compartida (geteilte Sorge) als bevorzugtes Modell festschrieb. Katalonien folgte 2010 mit dem Codi Civil de Catalunya, Valencia 2011 mit einem eigenen Familiengesetz. Auch die Baskenregion und Navarra haben ähnliche Regelungen eingeführt.
Auf nationaler Ebene wird seit 2021 intensiv über eine einheitliche Regelung diskutiert. Der Entwurf des Anteproyecto de Ley de corresponsabilidad parental sieht vor, dass das Wechselmodell als Ausgangspunkt gelten soll. Auch wenn das Gesetz noch nicht verabschiedet ist, hat sich die Praxis bereits verändert: Spanische Gerichte sprechen das Wechselmodell deutlich häufiger zu als noch vor zehn Jahren.
Schweden: Gleichberechtigung als Selbstverständlichkeit
In Schweden hat das Wechselmodell eine lange Tradition. Bereits seit den 1990er Jahren ist es weit verbreitet, unterstützt durch eine Kultur, die Gleichberechtigung in der Erziehung als Selbstverständlichkeit betrachtet. Das schwedische Elterngesetz (Föräldrabalken) betont das Recht des Kindes auf Kontakt mit beiden Elternteilen.
Aktuelle Zahlen zeigen: Rund 40 Prozent aller Trennungskinder in Schweden leben im Wechselmodell — der höchste Anteil weltweit. Die Reform von 2021 stärkte zudem die Position des Kindes im Verfahren: Kinder ab sieben Jahren werden systematisch angehört, und ihr Wille fließt direkt in die richterliche Entscheidung ein.
Australien: Lehren aus der Reform
Australien führte 2006 mit dem Family Law Amendment (Shared Parental Responsibility) Act eine der ambitioniertesten Reformen ein: Gerichte mussten grundsätzlich prüfen, ob gleich geteilte oder wesentlich geteilte Betreuungszeit im Interesse des Kindes liegt. Die Erfahrungen waren gemischt — Kritiker bemängelten, dass in manchen Fällen die Sicherheit von Kindern in hochstrittigen Familien nicht ausreichend geschützt wurde.
2023 wurde das Gesetz mit dem Family Law Amendment Act überarbeitet. Die neue Fassung entfernt die Vermutung gleicher Betreuungszeit, behält aber das Prinzip bei, dass Kinder von einer bedeutsamen Beziehung zu beiden Eltern profitieren. Australiens Erfahrung zeigt: Das Wechselmodell muss differenziert umgesetzt werden, unter Berücksichtigung der individuellen Familiensituation.
Der europäische Trend: Wohin geht die Reise?
Die Europäische Union hat 2021 in einer Resolution des Europäischen Parlaments die Mitgliedstaaten aufgefordert, gemeinsame Betreuungsmodelle zu fördern. Die Europarat-Resolution 2079 von 2015 empfiehlt bereits seit Jahren die geteilte Betreuung als Standardmodell. Auch Italien, Frankreich und die Tschechische Republik haben in den letzten Jahren Reformen in Richtung Wechselmodell eingeleitet.
Die Frage ist nicht mehr, ob das Wechselmodell kommt — sondern wie schnell und wie klug die einzelnen Länder es umsetzen.
Für Väter in Deutschland bedeutet dieser europäische Trend Rückenwind. Die internationale Forschung und die praktischen Erfahrungen anderer Länder zeigen, dass gleichberechtigte Elternschaft nicht nur möglich ist, sondern in den meisten Fällen zum Wohl der Kinder beiträgt. Es ist an der Zeit, dass auch Deutschland den nächsten Schritt geht.